Karl Marx ist tot, Rosa Luxemburg ist tot … und die Farbe der Arbeit ist immer noch rot. Keine Frage: unter der roten Fahne des Klassenkampfes sind viele Verdienste an der Entwicklung der Gesellschaft im 20. Jahrhundert zu verbuchen. Doch schon Paul Lafargue, der umtriebige Schwiegersohn von Karl Marx, sagte: „Wenn die Arbeit etwas Schönes und erbauliches wäre, hätten die Reichen sie nicht den Armen überlassen.“ Dies war der Arbeitsbegriff des 19. und auch noch des 20. Jahrhunderts. An ihm hängen die Linke, die Gewerkschaften, das Gefühl von Mangel und vor allem das Denken an den eigenen und darum nur kleinen Vorteil. Dieser Arbeitsbegriff geht jetzt unter und wer sich an ihn klammert mit ihm. Was ist die neue Farbe der Arbeit?
Arbeit ist nicht gleich ErwerbsarbeitSoziale Sicherheit, Integration durch Erwerbsarbeit, das Recht auf Einkommen verkleidet im „Recht auf Arbeit“ waren emanzipatorische Schritte. Aber das verkürzt verstandene „Recht auf Erwerbsarbeit“ hat sich zum „Zwang zur Arbeit“ verdreht, zu einer Arbeit dort, wo keine mehr ist, zu Beschäftigungsprogrammen, Sozial-Dedektivismus, Stigmatisierung. Dem Arbeitsverbot für „Arbeitslose“ stehen die Arbeitsplatzhalter mit „innerer Kündigung“ gegenüber. Es wird schlimm, wenn Institutionen um ihr Überleben kämpfen und das Sinnen nach einer Neuorientierung verkeilen.
Arbeit gibt es so viel, wie es Menschen gibt. Nur die rote Erwerbsarbeit nimmt ab. Rot heisst hier: müssen, verharren im Alten und Einverständnis mit allem Zwang, aller „Ungerechtigkeit“, wenn sie nur ein klein wenig gerechter verteilt wird. Die neue Farbe ist die des Könnens aus dem Wollen. Der Sinn der Arbeit ist das Schöpferische. Das kann im Kleinsten und im Dienendsten sein, wie auch im Betreten von Neuland.
Hammer und Sichel
Der rote Arbeitskampf ist Anachronismus. Hammer und Sichel symbolisierten Industrie und Landwirtschaft. Das Pathos bezieht sich auf das Schaffen „im Schweisse des Angesichts“. Maschinen und optimierte Verfahren haben uns vieles davon abgenommen. Und mehr noch: eine ökologische und nachhaltig vernünftige Landwirtschaft hat ihren Fokus längst erweitert; hin zu einer Arbeit aus Einsicht und Hinwendung. „Macht euch die Erde Untertan“ ist die forsche Übersetzung des Bibelwortes durch Luther. „Macht euch die Erde zu Eigen“ lautet die genauere Übersetzung; nehmt euch ihrer an. Industrielle Landwirtschaft zum Beispiel führt zu unbezahlbaren Schäden an Erde, Pflanze, Tier und Mensch. Wer es sehen will, sieht es: Neue Arbeitsfelder sind entstanden und diese können nicht immer, unbedingt, allein und direkt über den Verkauf von Produkten finanziert werden.
Gefangen im Überfluss – Vollbeschäftigung eine Utopie
Wir leben faktisch im Überfluss von Waren und von freien Produktionskapazitäten. Es hat genug für alle, nur bekommt es nicht jeder. Die Idee der Vollbeschäftigung wird jeden Tag mehr zur Utopie. Die Arbeitnehmer und Arbeitgeber, ihre Verbände und Interessenvertreter haben sich “gegeneinander“ für das gleich Ziel festgebunden: Beide beschwören sie die Vollbeschäftigung mittels Wachstum. Wer da nicht Rot sieht, ist wohl farbenblind.
Arbeiten will jeder, Einkommen braucht jeder
Da tritt eine Idee in den Vordergrund: Grundeinkommen bedingungslos für jeden Menschen und Besteuerung des Konsums anstelle der Arbeit. Denn Arbeit ist ein Bedürfnis. Mit dem Grundeinkommen darf es das sein. Und Einkommen ist nicht mehr nur Lohn, sondern eine bedingungslose Notwendigkeit.
Es gibt viel zu tun!
Die „Erwerbs-Vollbeschäftigung“ ist vorbei. Arbeit aber gibt es in Hülle und Fülle. Sie hat eine neue Farbe: Man tut sie, weil man darin Sinn findet. Sie ist weniger Produktorientiert und nicht mehr unbedingt und unmittelbar mit geldlichem Lohn verbunden; deshalb aber nicht weniger wert. Sie hat mehr mit individuellen Fähigkeiten und auch mehr mit individuellem Bedarf zu tun.
Auf eine Formel gebracht: Alles was Maschinen nicht können, was nur Menschen können, ist die neue Arbeit. Sie wird nicht besser durch weniger, sondern durch mehr Aufwand. Zum Beispiel in Familie, Landwirtschaft, Ökologie, Pflege, Gesundheit, Schule, Bildung, Forschung, Entwicklung, Kulturarbeit, Kunst, Muße, Initiativen und Projekten und nicht zuletzt in der Persönlichkeitsentwicklung … und in Tausend und einer – Ihrer – Sache mehr.
Stellen Sie sich vor, es ist ein Arbeitstag und sie können tun, was sie echt sinnvoll finden.
Daniel HÄNI (links) ist Unternehmer und Kulturraumschaffender, Mitbegründer und Mitglied der Geschäftsleitung des «unternehmen mitte» in Basel. Ein großes Kultur- und Kaffeehaus im ehemaligen Hauptsitz der Schweizerischen Volksbank mitten in der Stadt.
Enno SCHMIDT (rechts) ist Künstler (Maler) aus Frankfurt/Main, Mitbegründer und über viele Jahre geschäftsführender Gesellschafter des Unternehmens Wirtschaft und Kunst, Mitglied der Zukunftsstiftung Soziales Leben, der Social Sculpture Research Unit an der Oxford Brookes University und Lehrbeauftragter des Interfakultativen Instituts für Entrepreneuership an der Universität Karlsruhe.





